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1-3 Internationale Hilfe

Panel 1.3: Entwicklung und Partnerschaft – Wie sieht internationale Hilfe aus?

Auf dem Panel:
Anna Heringer, Studio Anna Heringer, Michael Grausam, humantektur, Lars Krückeberg, Graft, András Szekér, Habitat for Humanity Deutschland

Moderation:
Dr. Tillman Prinz, Bundesgeschäftsführer BAK

Bericht:
Moderation: Wir diskutieren heute Nachmittag ein ziemlich spezielles Thema, das ganz unterschiedliche Aspekte aufweist – von der Bautechnik über soziale Frage bis hin zu historisch-interkulturellen Fragestellungen. Zu Beginn eine Frage an das Auditorium: Warum sind Sie hier?

Antworten:

  • Ich könnte mir vorstellen, international in Hilfsprojekten zu arbeiten.
  • Nichts ist so konfliktbeladen wie internationale Hilfe. Ich will gerne wissen, wie die Erfahrungen sind.
  • Wie können wir unsere Kenntnisse anderen zur Verfügung stellen?
  • Ich hatte das Thema im Studium und war selbst mit den Grünhelmen in Afrika aktiv. Das ist für mich wie ein Realitätscheck. Wie erleben das Architekten heute? Wie kann architektonische Entwicklungshilfe nachhaltig sein?
  • Ich bin Teil einer Studenten-Diskussionsgruppe zu dem Thema. Wir fragen uns, wie der "weiße Mann" erfolgreich und ohne falsche Attitude vor Ort auftreten und helfen kann.

Anna Heringer:
Ich war ein Jahr in Bangladesch nach dem Studium. Das Wichtigste ist, sich auf lokale Ressourcen und Potenziale zu konzentrieren. Sieben Jahre später haben wir eine Schule dort gebaut und dabei doch den Fehler gemacht, ein quasi fertiges Projekt vorzuschlagen und die Lokalen lediglich als Arbeitskräfte einzubinden. Aber: Die Schule ist ein Prestigeobjekt, du willst, dass sie auch toll ausschaut. Wir haben dann aber doch die Schülerinnen und Schüler in den Prozess integriert, und das Vorhaben wurde ein Erfolg: Lehm- und Bambusbau, Ziegelbau. Wir haben vier Projekte realisiert. Die Erfahrungen springen hin und her. Partnerschaften entwickeln sich langfristig.

Michael Grausam, humantektur:
Die richtige Perspektive muss sein: Der Partner macht, und wir werden eingebunden als Fachleute, Helfer, Partner. Nicht umgekehrt, wie es früher war. Wir beraten, aber der Planer und der Bauherr vor Ort entscheiden und setzen auch um. Wir arbeiten mit Beispielen, die wir zeigen; Fachinformationen; Erfahrungen, die wir bereitstellen können. Wir arbeiten viel für Kirchen, die schon lange (Missions-)Geschichten haben. Wir suchen nicht selbst nach Projekten oder Partnern im Ausland. GEZ und NGOs haben oft Baubüros, da kann man anfragen, wenn man sich engagieren möchte. Mit dem „Von außen helfen“ bin ich vorsichtig. Die „Gutmensch“-Haltung ist oft schwierig. Man sollte immer die eigene Perspektive kritisch hinterfragen. Es ist ja so, dass die Partner vor Ort eine Menge Wissen haben.

András Szeker, Habitat for Humanity Deutschland:
Die meisten Menschen auf der Welt bauen für sich selbst. NGOs bauen nur einige wenige Tausend Objekte im Jahr. Soviel zur Perspektive. Eine Hütte in Malawi kostet umgerechnet 25 Cent. Die zentrale Frage lautet: Wie befähigen wir die Menschen dazu, ihren Selbstbau besser zu machen? Nachhaltiger, wetterresistenter, haltbarer. Wasser, Schule, Arbeit in der Nähe: Das sind wichtige Kriterien für erfolgreiche Hilfsprojekte. Außenseiter werden die Probleme im Allgemeinen nicht lösen. Ein Weißer, der in Malawi auftaucht, erregt eher Misstrauen. Es gibt in Malawi auch eine Elite. Ich strebe in meiner Arbeit an, Prozesse der Teilhabe und der Ermöglichung zu generieren: Prozesse, die von außen gesteuert werden, erfolgreich durchzuführen und auch nachhaltig in Betrieb zu halten. Ich habe einmal sieben Brunnen gesehen, die durch Hilfsprojekte ermöglicht worden waren und allesamt aufgegeben wurden. „Befähigung“ ist vielleicht das bessere Wort als „Entwicklungshilfe“.

Lars Krückeberg, Graft:
Ich möchte unsere Arbeit eigentlich nicht als „Entwicklungshilfe“ bezeichnen. Wir haben ganz unterschiedliche Dinge gemacht: Nach dem Hurrikan „Katrina“ in New Orleans haben wir 100 Häuser gebaut, ein Catastrophy release-project. Wir wollten dort Häuser bauen, die als Vorbild dienen können. Wir haben auch ein Buch dazu gemacht, um die Idee zu verbreiten. Aber: Man muss in der Tat am Anfang mit allen Beteiligten klare Ziele definieren; Das ist dann das Mandat, mit dem wir unsere Architektur in ein fremdes Land bringen können. Design und Schönheit ist kein Privileg der ersten Welt. Es gibt ja auch Fachwissen und Anspruch vor Ort – Beispiel: „Solarkiosk“ für Afrika, Äthiopien. Die Idee gab es schon länger, aber keiner hat es gemacht. Wir haben das mit der GIZ besprochen und das Projekt gemacht. Simple, resiliente Architektur, die nicht kaputtgehen darf – und offgrid, also nicht mit der Straße planen, die es nämlich oftmals nicht gibt (d.h.: keine Container). Später gab es eine Kooperation mit der Coca Cola-Company, von der wir uns aber getrennt haben, als der Konzern alle Kioske branden wollte – wir waren ja stolz auf das Projekt, das haben wir uns nicht wegnehmen lassen.

Wir bringen das Konzept nach Afrika und leiten unsere Partner vor Ort an, sodass sie die Kioske erfolgreich betreiben und damit Geld verdienen können: Cola kühlen, Handys aufladen, Haare schneiden. Das ist eine enorme Chance für die Leute, denn Strom ist dort ungleich teurer als hier. Architektur gestaltet hier einen business-case, und daraus erwachsen wiederum soziale Strukturen. Deshalb verstehe ich unsere Aufgabe dort nicht nur als Gestalter, sondern als Lebenshelfer. Wenn man Energie dorthin bringt, ist man immer ein willkommener Partner. Man muss das natürlich mit der Community machen; mit dem Priester, der Polizei, der örtlichen Politik. Wir haben auch viele Fehler gemacht und mussten Lehrgeld zahlen. Aber das ist o.k..

Frage: Kann Entwicklungshilfe bzw. Hilfe zur Selbsthilfe für Architekturbüros ein Geschäftsmodell sein?
Anna Heringer: Ich empfehle meinen Studenten immer: ein Drittel Herzenssache, ein Drittel Brotjob, ein Drittel das Leben vereinfachen. Dann funktioniert so etwas. Auch ethisch saubere Arbeit soll vernünftig bezahlt werden (nicht nur ethisch unsaubere – Heiterkeit); das müssen wir uns klarmachen, und das muss man den Partnern klarmachen.

Michael Grausam: Wenn man umsonst arbeitet, wird die Arbeit nicht wertgeschätzt. Das habe ich bei unserem ersten Projekt in Indien gemerkt. Die Arbeit wird vor Ort nicht gewürdigt, wenn sie einfach umsonst dorthin gestellt wird, weil man vor Ort sagt: Naja, ihr verdient damit etwas, uns kostet es nichts. Wir verdienen mit den Projekten heute schon Geld. Nicht üppig, aber man kann davon leben.

Anna Heringer: Ein Projekt in Simbabwe und eines in Bangladesch führte später zu einem Auftrag in Deutschland.

Michael Grausam: Wir arbeiten hier in Deutschland für Baugruppen, also auch engagierte Menschen. Die internationale Hilfsarbeit mag hier ein Argument sein, ist aber nicht ausschlaggebend.

Lars Krückeberg: Was man bei solchen Projekten zurückbekommt, ist Dank, Wärme, Anerkennung. Wir verdienen nichts mit solchen Projekten, versuchen aber, nicht allzu viel Geld zu verlieren. Wir verstehen uns aber als hybrides Büro, das beides macht. Ich will mich nicht entscheiden: Du bist zu reich, für dich baue ich nicht oder du bist zu arm, für Dich baue ich nicht. Es ist komisch, dass man fast als suspekt gilt, wenn man beides macht... Wenn ich ein Vorbild benennen müsste, könnte es Oskar Niemeyer sein. Der hat auch immer spektakuläre Großprojekte für Staaten und Unternehmen gebaut, aber auch Schulen für die Favelas.

András Szeker: Wir haben Menschen in 70 Ländern im Habitat-Netzwerk und sind Vermittler. Was vor Ort geleistet wird, machen die Menschen dort. Wir stehen als Ansprechpartner für alle, die etwas in diesem Bereich tun wollen, gerne zur Verfügung.

Anna Heringer: Man bekommt auch viel zurück, das ist mir wichtig.

Frage nach der Hilfe im Nahen Osten, insbes. Syrien:
András Szeker: Dort haben wir keine Niederlassung. Wichtig ist, dass man Experten vor Ort hat, die sich mit Sicherheitsfragen auskennen. Man darf sich und seine Mitarbeiter nicht in Gefahr bringen.

Frage: Wie lange begleitet Ihr ein Projekt?
András Szeker: Jedes Projekt hat eine definierte Laufzeit, und danach ziehen wir unsere Leute ab. Schon bei der Planung des Projektes wird mit den Betroffenen eine Exit-Strategie vereinbart – denn wir wollen ja „befähigen“.

 

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