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5-3 Mobilität, Logistik, Infrastruktur - Vernetzung

Panel 5.3: Mobilität, Logistik, Infrastruktur – Wie gelingt intelli­gente Vernetzung?

Auf dem Panel:
Prof. Dr. Heiner Monheim, raumkom, Prof. Elke Pahl-Weber, Technische Universität Berlin, Peter Haimerl, Peter Haimerl . Architektur, Barbara Ettinger-Brinckmann, Präsidentin Bundesarchitektenkammer

Moderation:
Markus Lehrmann, AK NRW

Essenz:

  • Dezentrale Konzentration als Leitbild für Vernetzung von Stadt und Land.
  • Intelligente Organisation der Mobilität.
  • Intelligente Vernetzung heißt: Angebote schaffen aus Kultur, Wohnen und Arbeiten.
  • Stadt-Land-Gefälle bei Kultur (und Architektur) überwinden. Land braucht kulturelle Impfung.
  • Zukunft liegt auch in der Digitalisierung. Breitbandnetze sind Daseinsvorsorge.

Bericht:
Frage: Wachstum und Schrumpfung existieren heute dicht beieinander. Gibt es den klassischen Dualismus Stadt vs. Land noch? Sind das vielleicht eher Lebensgefühle?

Heiner Monheim: Das Bild ist differenzierter. Es gibt drei Typen von ländlichem Raum:

  • Ballungsraumnahe Räume
  • Touristisch geprägte Räume
  • Periphere Räume

Das traditionelle Bild vom Land (auch in den Medien) ist falsch. Deutschland besteht vor allem aus historisch gewachsenen Klein- und Mittelstädten. Schrumpfung passiert nicht ins Nirgendwo und nicht nur in die Metropolen, sondern in diese Klein- und Mittelstädte. Viele von ihnen sind wirtschaftlich stark. Zudem existiert ein Austausch zwischen Stadt und Land: Stadtbewohner suchen Erholungswert im ländlichen Raum („System kommunizierender Röhren“)

Barbara Ettinger-Brickmann: Ländlicher Raum gilt als Entlastungsraum. Klein- und Mittelstädte werden als attraktiver beurteilt als die Metropolen. Auch als Wohnort ist das „Land“ gewünscht (Befragung für Baukulturbericht).

Frage: Ist die Forderung nach gleichwertigen Lebensbedingungen realistisch? Ist sie überhaupt wünschenswert?

Elke Pahl-Weber: Unbedingt. Die politische Stärkung radikaler Parteien zeigt das. Darüberhinaus stehen die gleichwertigen Lebensbedingungen im Grundgesetz. Dazu gehört auch eine flächendeckende Einführung des 5G-Netzes. Da hat es zum Glück innerhalb weniger Monate einen politischen Umschwung gegeben. Zahlreiche wichtige Industriebetriebe („Hidden Champions“) haben ihren Sitz in ländlichen Gegenden. Arbeitsplätze müssen gehalten werden. 5G wäre aber eigentlich eine staatliche Aufgabe und nicht eine von konkurrierenden Privatunternehmen.

Peter Haimerl: Auch im Bayerischen Wald gibt es viele große Hightech-Firmen. Durch die Struktur der EU-Agrarsubventionen ist das Kleinbauerntum ausgestorben. Jugendliche auf dem Land haben nichts mit ihrem Ort zu tun, leben wie in der Stadt: Smartphone, Youtube etc.. Gleichzeitig ist der Lebensstandard auf dem Land höher: Eigentum, Einfamilienhaus, geringere Fixkosten, günstigere Lebenshaltung. Aber: Es gibt ein Stadt-Land-Gefälle bei Kultur (und Architektur). Das Land braucht eine kulturelle Impfung (Konzerthaus Blaibach). Eine generelle Beobachtung ist: Die Menschen warten auf neue Ideen, künstlerische Konzepte. Dabei muss man aber die Menschen mitnehmen und in die Offensive gehen. In Blaibach waren anfangs zwei Bürgerinitiativen gegen das neue Konzerthaus.
Aktuelles Projekt in Mittelfranken zeigt ähnliches. Auf einen Abriss im Zentrum folgt der ungewöhnliche und innovative Neubau eines 3D-gedruckten Hauses. Aber 23 von 25 Stadträten konnten überzeugt werden.

Barbara Ettinger-Brinckmann: Kassel war beispielsweise, zur Zeit der innerdeutschen Grenze Zonenrandgebiet. Hier wurde Ende der 1960er die bewusste Entscheidung getroffen, eine Universität zu gründen. Diese hat als Motor gewirkt, der sich heute auszahlt: Kassel ist ein wichtiger Wissenschafts- und Industriestandort.

Heiner Monheim: Es war eine gute Entscheidung, die Hochschullandschaft zu dezentralisieren. Dies hatte positive Effekte auf ie Qualifikation in den Regionen.

Frage: Wie verhält es sich mit Verkehr und Boden?

Heiner Monheim: Beim Verkehr ist Deutschland Entwicklungsland. Städte sind nicht intelligent vernetzt, weil der Verkehr nur auf das Auto fokussiert ist. Es war ein Fehler, dass Bahnstrecken stillgelegt wurden und der Güterverkehr per Bahn zurückgedrängt wurde. („Unwesen von Hartmut Mehdorn“)
Es gibt innovative Regionen mit einem ÖPNV-Anteil von 20% (wie in der Großstadt). Die Schweiz bietet ein positives Beispiel. Hier verlangt der Gesetzgeber, dass der Weg von jeder Alm zum nächsten Bahnhof maximal eine Stunde betragen darf. Die Verkehrswende muss im ländlichen Raum beginnen. Dort ist es auch einfacher, weil die Strukturen überschaubar sind und die Verwaltung ihre Bürger kennt. Außerdem muss das Städtenetz ausbildet werden. Beispiele zeigen eine starke Steigerung der ÖPNV-Fahrgäste (100.000 auf 2 Mio.) Gebremst werden die großen Konzepte meist durch die Gesetzgebung. Beispielsweise die Stellplatzordnung etc.. Aber es gibt zahlreiche Innovationen auf kommunaler Ebene, trotz gleicher Regeln.

Idee: Unterstützenswert ist die Kombinaiton von Güter- und Personenverkehr, wie es früher zum Beispiel beim Postbus der Fall war. Als Vorbild könen hier Skandinaviens Kombibusse dienen.
In Deutschland ist dies jedoch heute gesetzlich nicht möglich.

Woran hakt es? Wir wollen es nicht anders, „wollen Stauland sein“, haben eine „Autokanzlerin“. („Deutschlands erfolgreichstes Exportgut: Stau!“).
Nicht ÖPNV ist hoch subventioniert, sondern (indirekt) das Auto. Eine realistische Rechnung zeigt: Der Autoverkehr kostet 160 Mrd. Euro pro Jahr, inklusive Verkehrsunfälle, Belastungen durch Autos etc.. Dieses Geld muss umverteilt werden! Dank „Fridays for Future“ kommt es jetzt endlich zu einem Umdenken.

Barbara Ettinger-Brinckmann: Das Auto nimmt wertvollen Boden weg und führt zu übermäßiger Versiegelung. Aber im ländlichen Raum ist es mitunter die einzige Möglichkeit zur Teilhabe. Der ländliche Raum kann nicht alle Funktionen haben, aber alle haben das Recht auf Teilhabe: Wir brauchen also Alternativen zum Auto: Das Schienennetz muss ausgebaut, die Taktung verdichtet werden, es muss logische und günstige Tarife geben. Die Bundesarchitektenkammer fordert eine „Dezentrale Konzentration“, bei der die Innenentwicklung der Ortskerne Vorrang vor neuen Baugebieten hat.

Elke Pahl-Weber: Man denkt, auf dem Land herrsche ein schonender Umgang mit den Ressourcen. Aber das Gegenteil ist der Fall. In Sachen Klimaschutz und Bodenverbrauch herrscht dort ein schlechter Umgang. Weniger die Politik als die Gewerkschaften sind die Fürsprecher für Autos der Arbeitsplätze halber. Erst langsam beginnt ein Nachdenken, wie sich diese Arbeitsplätze durch E-Mobilität etc. verändern können.

Eine Empfehlung ist es, sich eine App zu besorgen, die den CO2-Ausstoß des eigenen Alltags und der Mobilität errechnet. Diese hat einen erschreckenden und dadurch einen erzieherischen Effekt. Der Reflex „ja gerne, aber nicht bei mir“ muss überwunden werden. Menschen müssen direkt erreicht und überzeugt werden. Dies ist ein zeitintensiver Kommunikationsprozess, der sich aber auszahlt. Die „Werthaltung“ der Menschen muss sich verändern. Hierzu gibt es auch das Projekt der TU Berlin „Urban Design Thinking“, mit Mobilitätskonzepten auf Quartiersebene in Charlottenburg.

Die Raumordnung in Deutschland ist eine Katastrophe. Die zuständige Ministerien ziehen nicht an einem Strang. ebensowenig Bund und Länder. Expertise kann von geholt werden, z.B. aus Dänemark.

Peter Haimerl: Wir müssen europäisch denken. Die Veränderungen auf unterer Ebene sind zu klein. Ein Beispie sindl fahrradfreundliche Städte. Diese sind immer nur Einzelfälle.

Publikum: Mehrgewinne der Verkehrswende müssen sichtbar gemacht werden. Vorteile entstehen durch den Wegfall der Flächen für das Auto.

Frage: Wie verhält es sich mit dem Baukindergeld? Im ländlichen Raum ist es gleich hoch wie in Köln. Ist das gerecht?

Barbara Ettinger-Brinckmann: Es muss dabei baukulturelle Auflagen geben.

 

 

 


 

 

 

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